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TAGUNGSBERICHT: „Schlesien in der germanistischen Forschung und Lehre“
Tagung an der Hochschule für Neuphilologie (WSF)
Breslau / Wrocław,  19./20. März 2010

Tagungsbericht von Dr. Peter Chmiel

Unter der Schirmherrschaft des Generalkonsuls der Bundesrepublik Deutschland in Breslau Herrn Bernhard Brasack veranstaltete die in der schlesischen Metropole gegenüber dem Botanischen Garten ansässige Hochschule für Neuphilologie (Wyższa Szkoła Filologiczna) am 19. und 20. März eine Tagung zum Thema Schlesien in der germanistischen  Forschung und Lehre. Hauptziel der Tagung war, Chancen und Möglichkeiten der Einbeziehung schlesischer Themen in die germanistische Forschung und Lehre aufzuzeigen, sowie der Germanistik im heutigen Schlesien ein Forum für Erfahrungsaustausch auf diesem Gebiet zu bieten.

Die polnische Germanistik in Schlesien, von Kattowitz über Oppeln und Breslau bis nach Grünberg, ist seit längerer Zeit bemüht, in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Wissenschaft regionale Aspekte der Forschung in den Bereichen Literatur, Kultur und Sprache gebührend zu berücksichtigen. Im  fachübergreifenden Spektrum der Schlesienforschung nehmen philologische Aspekte eine herausragende Position ein. Es ist allgemein bekannt, dass Schlesien als böhmisches Kronland der katholischen Habsburger nach der Reformation zur Wiege des deutschen Barocks geworden ist. An der Breslauer Universität wurde der erste selbständige Lehrstuhl für Germanistik ins Leben gerufen, hier wirkte Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Verfasser des Deutschlandliedes, dessen dritte Strophe Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland ist. Jedem germanistischen Linguisten ist der Name des Breslauer Professors Theodor Siebs bekannt, der das erste Wörterbuch der deutschen Aussprache schuf. Nicht zuletzt entstand unter Federführung von Marian Szyrocki im polnischen Breslau das in Europa führende Forschungszentrum der deutschen Barockliteratur. Die noch relativ jungen, dennoch aktiven und in der schlesischen Germanistik mittlerweile etablierten germanistischen Institute an den Universitäten in Kattowitz, Oppeln und Grünberg stellten sich der Aufgabe, die Werke weniger bekannter oberschlesischer Schriftsteller vor der Vergessenheit zu bewahren und dem Leser näher zu bringen. All diese Aspekte der Schlesienforschung schlugen sich im Programm der Tagung nieder.

Mit dem Thema Die Sprache der ersten schlesischen Piasten setzte sich in seinem Vortrag der international renommierte Breslauer Germanist Norbert Morciniec auseinander und stellte es in den Kontext der Besiedlung Schlesiens und der dynastischen Verbindungen zwischen mittelalterlichen europäischen Höfen. Einen Bogen zu der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schlugen Anna Stroka und Peter Chmiel (beide von der WSF) mit ihren Vorträgen über Marian Szyrocki (1928-1992) und den Beitrag der gesamten Breslauer Germanistik nach 1945 zur Erforschung der schlesischen Literatur und Sprache.

Dass die polnische germanistische Schlesienforschung auch außerhalb Breslaus mit Erfolg betrieben wird, stellten mehrere Vortragende in systematischer und wissenschaftlich fundierter Form unter Beweis. So sprach die auf dem Gebiet der schlesischen Literatur ausgewiesene und anerkannte Kattowitzer Germanistin Grażyna B. Szewczyk über schlesische Studien des viel zu früh verstorbenen und mittlerweile in Vergessenheit geratenen gebürtigen Oberschlesiers Karol Musioł (1929-1982), der in Krakau und Kattowitz lehrte und forschte. Es folgten Beiträge Kattowitzer Germanistinnen  über schlesische Akzente in den Forschungen zeitgenössischer polnischer Literaturwissenschaftler Eugeniusz Klin aus Grünberg (Beata Brachaczek-Świerkot) und Krzysztof Kuczyński von der Universität Lodz (Nina Nawara). Über die Studien zur deutschen Literatur Schlesiens aus der Feder des mit Abstand bekanntesten Vertreters der oberschlesischen Kulturszene  der Nachkriegszeit Wilhelm Szewczyk sprach Michał Skop von der Universität Kattowitz. Ein Gesamtbild der beachtlichen Errungenschaften der Kattowitzer Germanistik auf dem Gebiet der Schlesienforschung lieferte Zbigniew Feliszewski (Kattowitz).

Zwei weniger bekannte schlesische Schriftsteller, Theodor Opitz (1820-1896) und Walter Meckauer (1889-1996) wurden den Tagungsteilnehmern von Gabriela Jelitto-Piechulik (Oppeln) und Eugeniusz Klin (Grünberg) näher gebracht. Auf die Frage, welche Rolle Schlesien im Kontext der Literaturbeschreibung auf dem Weg zum Nationalstaat spielt, versuchte Andrea Rudolph (Universität Oppeln / WSF Breslau) zu geben. Die Oppelner Sprachwissenschaftlerin Daniela Pelka stellte einen Überblick über die Forschungen zur Sprache Oberschlesiens vor, während der junge Germanist und Mitarbeiter der Eichendorff-Bibliothek (Oppeln) Dawid Bartoszek einen informativen Beitrag über das Oberschlesische Jahrbuch als Quelle für weiterführende Forschungen zur Literatur und Sprache Oberschlesiens präsentierte.

Für eine spannende Abwechslung sorgte der Beitrag von Ewa Mikulska-Frindo (WSF Breslau) über die Rezeption der Breslauer Krimiromane von Marek Krajewski in deutschsprachigen Ländern. Der mittlerweile weit über die Grenzen Schlesiens bekannte  Krimiautor beteiligte sich aktiv (im perfekten Deutsch) an der Diskussion und ging auf mehrere an ihn persönlich gerichtete Fragen ein.

Die Tagungsbeiträge werden in Kürze  in der Hochschulreihe Philologica Wratislaviensia: Acta et Studia" veröffentlicht.

Neben der Schlesienforschung gehörten auch die Berücksichtigung und der Stellenwert schlesischer Themen in der akademischen Lehre zum Programm der Tagung. Zu diesem wichtigen Aspekt traten mehrere Germanistikstudenten des Grund- und des Aufbaustudiums an der Breslauer Hochschule für Neuphilologie mit ihren kurzen und dennoch inhaltsreichen Sachberichten auf. Aleksander Karkosz und Marzena Wieczorek sprachen über die schlesischen Akzente im Pflichtkurs ‚Deutsche Geschichte’, den sie in den ersten zwei Semestern absolviert hatten. In dieser Vorlesung, die mit einer Prüfung endet, werden die Studenten u. a. auch mit Schwerpunkten der Geschichte Schlesiens vertraut gemacht. Über das mittlerweile bewährte Projekt „Seminar im Haus Schlesien" berichtete Adrian Roszak. Seit einigen Jahren fährt eine Gruppe von ca. 30 Germanistikstudenten für eine Woche ins Haus Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott. Neben Lehrveranstaltungen in mehreren Arbeitsgruppen, in denen verschiedene Aspekte der Geschichte Schlesiens und der deutsch-polnischen Beziehungen behandelt werden, gehört auch ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Kulturangebot zum Programm des einwöchigen Seminars. Im Rahmen der Kurse „Deutsche Geschichte" und „Kultur der deutschsprachigen Länder" sahen sich die Studenten die Ausstellung „Geschichte und Kunst Breslaus im Königsschloss" an. Über diesen Besuch berichtete Arkadiusz Rybka. Der Student betonte in seinem Bericht die historische Objektivität des dort präsentierten mehr als tausendjährigen Geschichtsbildes der Stadt, die angemessene und unverfälschte Würdigung des österreichischen und preußischen Erbes sowie die moderne museumspädagogische Gestaltung der Exposition. Die bisher genannten Studenten stehen im Lizenziatsstudium.

Anschließend kamen Studenten des Aufbaustudiums aus dem Seminar von Józef Zaprucki zu Wort, die kurz vor dem Abschluss stehen und die Gelegenheit wahrnahmen, über ihre Magisterarbeiten zu berichteten. Den Anfang machte Anna Wieczorek. Die junge Oberschlesierin beschäftigt sich mit dem Thema New Age und der Franziskanismus. Eine vergleichende Analyse geistiger Grundlagen. Sie stellte die Konzeption ihrer Magisterarbeit vor und spannte sehr gekonnt einen inhaltlichen und emotionalen Bogen zwischen dem Kult des hl. Franziskus von Assisi und dem Wirken des Franziskanerordens in Schlesien. In den Mittelpunkt der „schlesischen" Bezüge rückte Frau Wieczorek in diesem Kontext den bedeutendsten Wallfahrtsort der Oberschlesier, den St. Annaberg, der im Laufe der Geschichte zum religiösen und politischen Wahrzeichen des Landes wurde. Kontrovers diskutiert wurde über das Thema Gerhart Hauptmann in der NS-Zeit, mit dem sich Rafał Zimoch in seiner Magisterarbeit befasst. Der angehende Magister argumentierte sachlich und engagiert zur nicht ganz unumstrittenen Haltung Gerhart Hauptmanns in der Zeit des Dritten Reiches. Er vertrat die Ansicht, die Tatsache allein, das der internationale Ruhm des schlesischen Nobelpreisträgers von den NS-Ideologen missbraucht und instrumentalisiert worden ist, rechtfertige auf  keinen Fall die These, der Dichter habe mit den Nationalsozialisten sympathisiert und deren Untaten billigend in Kauf genommen. Mit dem Motiv des Rübezahls bei Carl Hauptmann und Kurt Müller setzt sich Wiktoria Wiśniowska in ihrer Diplomarbeit auseinander. Der berühmte Berggeist des Riesengebirges, der in mehreren Sagen als Bergmännlein, als Riese oder als Tiergestalt erscheint, faszinierte mehrere Schriftsteller und ist somit auch in die Literaturgeschichte eingegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Rübezahl-Tradition nach anfänglichen Berührungsängsten von der neu angesiedelten polnischen Bevölkerung aufgegriffen und ist auch heute nicht aus dem Bild des Riesengebirges nicht wegzudenken.

Informationen über die Hochschule für Neuphilologie (Wyższa Szkoła Filologiczna) in polnischer Sprache unter  www.wsf.edu.pl/

2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen (Gesiniec/Strzelin) (09.2010)

Die (viertägige) Kulturtagung wird im September 2010 in Ostböhmen, Region Königsgrätz/Hradec Kralove, stattfinden.
Geplant sind ein wissenschaftliches Seminar, Begegnungen sowie Busexkursionen zu berühmten Stätten, die hussitische Geschichte geschrieben haben.

Kontakt:
Dr. Hans-Dieter Langer
Talstr. 53
09577 Niederwiesa
Tel. 03726/721826
E-Mail:  langer(at)drhdl.de
Hinweis: In  www.drhdl.de finden sich Informationen zur 1. Kulturtagung 2008 Hussinetz/Strehlen (Gesiniec/Strzelin).